Herlinde Koelbl

Die Jüdischen Portraits

Das Interview mit Herlinde Koelbl im Schweizerischen Fernsehen hat mich wirklich beeindruckt. Die Grande Dame der Fotografie wirkt in dem Gespräch mit Juri Steiner so lebendig wie nur jemand sein kann, der sich die Lust am Leben erhalten und bewahrt hat. Sie ist neugierig und zurückhaltend zugleich. Und sie geht den Dingen auf den Grund. Ihre Arbeiten sind weit mehr als Dokumentationen, aber auch das. Sie sind erzählerisch und poetisch. Das macht es möglich, sich damit wirklich zu beschäftigen, nicht nur sie anzusehen. Die Menschen mögen Geschichten. Herlinde Koelbl erzählt sie uns.

Ein Projekt von H.L. ist meistens eine ganze Reihe von wirklich zusammengehörenden Bildern. Sowohl thematisch als auch gestalterisch zieht sie ein Konzept durch. Aber immer so, dass es Mittel bleibt, niemals Zweck wird. Damit stehen die Portraitierten tatsächlich im Mittelpunkt und nicht das Konzept oder sogar die Fotografin.

Ganz besonders eindrücklich ist das bei den Jüdischen Portraits. Jedes einzelne Foto hat eine Tiefe und Sensibilität, die dem Portraitierten vermutlich sehr nahe kommt, ihm offensichtlich gerecht wird. Aber das allein ist es nicht. Betrachtet man die Fotos im Zusammenhang mit dem ausführlichen Interview gewinnen die Bilder eine neue Dimension hinzu. Die Gesichter erzählen nicht nur eine abstrakte Geschichte vom Judentum, sondern zeichnen eine persönliche Lebenslinie. Jede ist anders und weil zu den Bildern auch die Worte kommen, tritt sie aus dem Abstrakten heraus und wird konkret. Unwillkürlich sehen wir in den Gesichtern das, was uns die dazugehörige Erzählung bestätigt und umgekehrt. Unsere Fantasie wird gelenkt durch Worte. Die Gedanken zu den Bildern fließen in eine bestimmte Richtung.

Die Portraits haben auch ohne die Texte eine unglaubliche Wirkung, aber der Text schenkt den Dargestellten die Lesbarkeit Ihrer eigenen Geschichte. Der Text macht das Fühlen verstehbar. Das ganz Persönliche, das konkret gelebte einmalige individuelle Leben steht somit über der Gattung, in der das Projekt die Menschen zusammenfasst. H.K. hat für Ihre "Jüdischen Portraits" die Gemeinsamkeiten der Portraitierten definiert. Die Wahl umfasst Juden, die einen deutschen Ursprung haben und durch Emigration rechtzeitig dem Holocoust entkommen sind. Es finden sich eine Reihe von Parallelen und Gemeinsamkeiten in den Geschichten, es gibt eine Klammer, eine Art Meta-Story. Dennoch sind die Lebensgeschichten so einzigartig wie jeder Mensch. Wir werden zu Individuen, weil es viele unserer Gattung gibt. Die Ähnlichkeit wird zur Grundlage für Individualität, für Persönlichkeit.